Hirnfutter...

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Das Märchen von der Wolke

 

Der Tag ging aus mit mildem Tone,
so wie ein Hammerschlag verklang.
Wie eine gelbe Goldmelone
lag groß der Mond im Kraut am Hang.

Ein Wölkchen wollte davon naschen,
und es gelang ihm, ein paar Zoll
des hellen Rundes zu erhaschen,
rasch kaut es sich die Bäckchen voll.

Es hielt sich lange auf der Flucht auf
und zog sich ganz mit Lichte an; -
da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
Schwarz ward die Wolke und zerrann.

 

Rainer Maria Rilke

Mondnacht

 

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

 

Joseph Freiherr von Eichendorff

Ich mag Goethe nicht. Aber man muss auch von Grund auf unsympathischen Menschen zugestehen, Gedichte schreiben zu können. Dieses eine Gedicht, das mag ich. Sturm und Drang, natürlich, was sonst!

Prometheus

 

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

 

Johann Wolfgang von Goethe

Ein Psalm Salomos, den Weltraumfahrern zu singen
aus: Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker


Wir hauten ins Weltall ab
zu den Wüsten des Monds.
Versanken in ihren Staub,
lautlos verreckten manche schon da.

Doch die meisten verkochten in den Bleidämpfen des Merkurs,
lösten sich auf in den Ölpfützen der Venus
und sogar auf dem Mars fraß uns die Sonne
donnernd, radioaktiv und gelb.

Jupiter stank.
Ein pfeilschnell rotierender Methanbrei
hing er so mächtig über uns,
daß wir Ganymed vollkotzten.

Saturn bedachten wir mit Flüchen.
Was dann weiter kam, nicht der Rede wert.

Uranus, Neptun,
graugrünlich erfroren.
Über Pluto und Transpluto
fielen die letzten unanständigen Witze.

Hatten wir doch längst die Sonne mit Sirius verwechselt,
Sirius mit Kanopus.

Abgetrieben trieben wir in die Tiefen hinauf
einigen weißen Sternen zu,
die wir gleichwohl nie erreichten.

Längst schon Mumien in unseren Schiffen,
verkrustet von Unrat;
in den Fratzen kein Erinnern mehr
an die atmende Erde.

Du hast das Recht, grenzenlos zu denken

Lass es dir nicht nehmen, grenzenlos zu denken.
Im Denken hast du die Möglichkeit,
die Enge und Kleinkariertheit
deines Lebens zu überwinden
und erfüllter zu leben.

Man wird dich auf vielerlei Weise zurückhalten wollen,
dich warnen, dir gut zureden,
dich an deine Pflichten erinnern.
Jemand wird dir sagen: Bleib auf dem Teppich!
Und in dir sirst du hören,
dass du kein Recht hast, dass du spinnst
und realistisch sein solltest.

Aber du hast ein Recht, grenzenlos zu denken.
Darin wirst du Mensch,
der über sich selbst hinauswächst,
der nicht gebunden ist an die Muster,
die ihm jemand vorgemalt hat.
Es gibt keine Regel,
dass du dich an Vorgepräges halten musst.
Denke, was du denkst.
Entdecke deine Muster,
deine Formen, dein eigenes Leben.

(U. Schaffer)